Zum Schulanfang: So wird ein literarisches Werk zur Pflichtlektüre in Baden-Württemberg

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Zum Schulanfang: So wird ein literarisches Werk zur Pflichtlektüre in Baden-Württemberg

Zum Schulanfang: So wird ein literarisches Werk zur Pflichtlektüre in Baden-Württemberg

Das neue Schuljahr läuft. Somit gibt es auch neue Pflichtlektüren für die Abschlussprüfungen.

Um die Wahl von „Tauben im Gras“ als Abiturlektüre an beruflichen Gymnasien ist in den letzten Monaten ein handfester Skandal entbrannt. Aber wer wählt die Pflichtlektüren eigentlich aus? Und wie sollten wir mit problematischen Werken wie diesen umgehen?

Der Schulbetrieb in Baden-Württemberg ist schon wieder in vollem Gange. Somit rollt auch eine ganze Welle neuer Pflichtlektüren in die Klassenzimmer. Wer an einem Gymnasium Deutsch als Leistungsfach belegt, muss sich mit „Woyzeck“ von Georg Büchner und „Corpus Delicti“ von Juli Zeh auseinandersetzen, im Basisfach ist es zusätzlich unter anderem „Das Leben des Galilei“ von Berthold Brecht oder „Mario und der Zauberer“ von Thomas Mann.

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    Eklat um „Tauben im Gras“
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    Wer wählt die Pflichtlektüren aus?
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    Diskussion um problematische Kinderbücher
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    Bücher auf dem Index
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    Medienbildung als Schlüssel

Eklat um „Tauben im Gras“

An den beruflichen Gymnasien in Baden-Württemberg steht ein anderes Buch auf der Liste der Pflichtlektüre – ein Buch, das in den vergangenen Monaten hohe Wellen geschlagen hat: „Tauben im Gras“, der 1951 erschienene Roman von Wolfgang Koeppen. Gegen die Auswahl dieser Lektüre hat sich massiver Widerstand geregt, weil sie rassistische Sprache und Stereotype zitiert – und unter anderem hundertfach das N-Wort enthält. Eine Schwarze Deutschlehrerin aus Ulm hatte die Diskussion ausgelöst und zum Boykott des Werkes aufgerufen. Sie hatte angekündigt, den Roman nicht unterrichten zu wollen und daraufhin eine Petition gestartet, die weit über 12.000 Menschen unterschrieben haben.

Kultusministerin Theresa Schopper steht weiterhin zu der Wahl. Ihr sei bewusst, dass die Sprache des Buches rassistisch sei, doch es sei eben „wichtig, Rassismus zu thematisieren“, wie sie in einem Interview mit der Badischen Zeitung sagte. Die Autorin Simone Dede Ayive hält in einer Kolumne in der taz dagegen: „Um über Rassismus zu sprechen oder rassistische Sprache zu thematisieren, muss man Rassismen […] nicht reproduzieren“, schreibt sie da. „Es braucht auch die Literatur weißer Männer nicht, die an zukünftige Leser*innen of Color wohl keinen Gedanken verschwendet haben. Man kann über Rassismus reden, ohne ihn dabei zu erleben.“

Die Vorläufige Lösung: Lehrkräfte sollen ab 2025 selbst entscheiden können, ob sie dieses Buch oder als Alternative „Transit“ von Anna Sehgers unterrichten.

Wer wählt die Pflichtlektüren aus?

Die hitzige Diskussion um „Tauben im Gras“ hat die grundlegende Problematik schwieriger Literatur mal wieder verdeutlicht. Das Werk gilt als bedeutender Nachkriegsroman, als einer der besten deutschen Romane überhaupt. Zugleich fühlen sich Menschen beim Lesen diskriminiert, ausgegrenzt, beleidigt. Nichts, worüber man hinwegsehen darf. Aber hat jemand bei der Auswahl darüber hinweggesehen? Oder es in Kauf genommen? Und: Wer ist überhaupt diese oder dieser jemand? Wer wählt die Bücher aus, die die Schülerinnen und Schüler an den Schulen lesen müssen?

Sagen wir es so: Das Verfahren ist komplex. Zuständig ist eine, Achtung, „Abituraufgabenauswahlkommission“. „Die wählt die zwei verpflichtenden Lektüren aus, anschließend setzt das Kultusministerium sie offiziell fest. Zwei weitere würden durch das länderübergreifende Institut zur Qualitätssicherung im Bildungswesen (IQB) festgelegt“, so weiß es das Deutsche Schulportal.  

Für gewöhnlich wählt die Kommission Texte aus, die „allgemein bedeutsame Themen und Probleme behandeln, die im Erfahrungsbereich der Schülerinnen und Schüler liegen und für sie als Heranwachsende relevant sind oder potenziell relevant werden könnten“, wie Benedikt Reinhard, Pressereferent des Ministeriums für Kultus, Jugend und Sport Baden-Württemberg, dem Deutschen Schulportal gegenüber sagte. Im Deutschlandfunk heißt es weiter: „Dabei spielen unter anderem Themen wie Freundschaft, Liebe, soziale und gesellschaftliche Ungleichheit und Ungerechtigkeit aber auch Depression und Suizid eine Rolle.“

In der baden-württembergischen Kommission sitzen Personen, die fachlich sehr versiert sind und beispielsweise auch Lehrkräftefortbildungen abhalten. Dazu kommen einige ausgewählte Lehrkräfte aus der jeweiligen Schulart. Die benennt und beauftragt das Institut für Bildungsanalysen Baden-Württemberg (IBBW), aber stets im Einvernehmen mit dem Kultusministerium. Bewerben um eine Stelle in der Kommission kann man sich nicht. Man wird „gesucht und berufen“, wie es heißt.

Diskussion um problematische Kinderbücher

Auch außerhalb der Schullektüre köchelt die Literaturdebatte seit einiger Zeit auf hoher Flamme. Mehr und mehr Kinderbücher stehen in der Kritik, nicht mehr zeitgemäß zu sein, die Würde von Leserinnen und Lesern zu verletzen, gar offen Rassismus zu kolportieren. Jim Knopf, Pippi Langstrumpf, Huckleberry Finn: Literaturklassiker wie diese stehen unter Verdacht, Kinder durch Verharmlosung zu Rassismus zu erziehen. Christine Kassama, die Leiterin einer Hamburger Kita, bringt die Problematik in einem Interview mit der Zeit auf den Punkt: „Jim Knopf wird leider noch oft gelesen. Jim Knopf reproduziert viele Klischees, zum angeblich typischen Wesen und Äußeren von Schwarzen. Jim Knopf ist so, wie sich Weiße ein lustiges, freches, schwarzes Kind vorstellen.“

Rassismusverharmlosung in der Kinderliteratur ist ein schwerer Vorwurf, der die Gesellschaft spaltet. Und schon Konsequenzen mit sich gebracht hat: In den Neuausgaben in Astrid Lindgrens „Pippi Langstrumpf“ wurde aus dem „Negerkönig“ der „Südseeherrscher“, aus Otfried Preußlers „Die kleine Hexe“ wurden die „Negerlein“ gestrichen. Das fanden einige gut, andere nicht. Dabei darf man nicht vergessen, dass die „behutsame Veränderung und Anpassung literarischer Texte“ nicht neu ist. Nur ein Beispiel: Jacob und Wilhelm Grimm haben ihre Märchentexte immer wieder überarbeitet. Beim Rotkäppchen wurde aus einer "kleinen Dirne“ 1812 bis 1857 etwa ein "kleines Mädchen“.

Bücher auf dem Index

Manchmal reicht das Ändern einer Passage, das Austauschen eines Wortes nicht mehr. Dann kommt ein Buch auf den Index. Oftmals sind das Bücher, die für Jugendliche als gefährlich gelten. Sie sind dann nicht mehr käuflich zu erwerben und ihr Verkauf ist strafbar. Doch grundsätzlich gilt, „dass nicht alles, was jugendgefährdend ist, ohne weiteres indiziert werden darf, vor allem sind Kunst-, Wissenschafts- und Meinungsäußerungsfreiheit grundgesetzlich geschützt.“ Um die Balance zwischen diesen Freiheiten und dem Jugendschutz aufrecht zu erhalten, hat der Gesetzgeber ein ausführliches Regelwerk geschaffen. Beispielsweise dürfen Medien nicht ausschließlich aufgrund ihres politischen, sozialen, religiösen oder weltanschaulichen Inhalts indiziert werden, auch wenn sie jugendgefährdend sind.

In Deutschland ist zuletzt 2007 ein Buch verboten worden. Eine deutsch-türkische Schauspielerin hatte damals gegen ihren Ex-Partner, den Schriftsteller Maxim Biller geklagt, weil sie ihre Persönlichkeitsrechte durch die Veröffentlichung von seines Romans „Esra“ verletzt sah. Der Fall landete sogar vor dem Bundesverfassungsgericht – mit dem Ergebnis, dass der Autor sein Buch vom Markt nehmen musste. In Kalifornien verschwand 2010 sogar das „Oxford Dictionary Of English“ aus zahllosen Klassenzimmern. Die Begründung: Das Lexikon beinhaltete grafische Definitionen und Sexualpraktiken. Überhaupt verbieten US-Konservative zunehmend Bücher über sexuelle und ethnische Identität. Nach Angaben des US-Autorenverbands PEN America wurden zwischen Juli 2021 und Juni 2022 in öffentlichen Schulen landesweit 1.648 Bücher verboten. 

Medienbildung als Schlüssel

Die Grundfragen bei Beispielen wie diesen sind immer dieselben: Wie gehen Kinder und Jugendliche mit Werken wie diesen um? Wie sehen sie die Darstellung Schwarzer Menschen in „Tauben im Sand“? Wie erleben sie die Werte und Rollenvorstellungen in alten, wenig inklusiven Kinderbüchern? Antworten liefert die Medienbildung. Sie ist der essentielle Faktor in einer Debatte wie dieser. Je früher Kinder im Umgang mit Medien geschult werden, desto früher können sie einordnen, verstehen und werten.

Wenn schon im Kindergarten über Bücher und damit verbundene etwaige Probleme gesprochen wird, können Kinder später selbst erkennen, dass dargestellte Sachverhalte in Büchern heute nicht mehr zeitgemäß sind. Sie erkennen, dass Rassismus und Sexismus früher leider weit verbreitet und alltäglich waren und dass sich in der Zwischenzeit etwas bewegt hat in der Gesellschaft. Die Gefahr, dass sie diese Klischees reproduzieren, verschwindet zwar nicht völlig, wird aber geringer. „Bei kleinen Kindern ist vor allem die Familie entscheidend, denn hier erleben Kinder, welche Funktionen Medien erfüllen können und wie wir mit Medien unseren Tag strukturieren“, weiß das Landesmedienzentrum.

Medienerziehung ist nie vorüber und eine fundamental wichtige Aufgabe für alle Altersklassen und Gesellschaftsgruppen. Je früher man damit beginnt, desto besser.

Stand: September 2023

Weiterführende Informationen

Über den Autor

Björn Springorum ist freier Journalist und Schriftsteller. Er schreibt u.a. für die Stuttgarter Zeitung, den Tagesspiegel und konzipiert Comic-Geschichten für “Die drei ???". Als Schriftsteller hat er bislang fünf Kinder- und Jugendbücher verfasst. Zuletzt erschienen: “Kinder des Windes" (2020), Thienemann Verlag. Er lebt in Stuttgart.